Operette um den Billigheimer Purzelmarkt

“Drum komm zum Purzelmarkt mit mir du hübsche Kleine....”, lautet die freundliche Einladung zum Billigheimer Purzelmarkt in der gleichnamigen Operette. Sie hat inzwischen Kultstatus in Billigheim und im Klingbachtal erreicht, seit der Landauer Musiklehrer Adam Orth das volkstümliche Musikstück Anfang der 50er Jahre komponiert und getextet hat.

Im Jahr 1956 präsentierte Orth, als Leiter der Billigheimer Volksmusikgruppe, die Uraufführung des Stücks, das im Gasthaus “Pelikan” spielt. Seit dieser Aufführung wurde die Operette sechsmal neu inszeniert, zuletzt im Jahr 2006 von der Billigheimer Trachtengruppe zusammen mit der Billigheimer Volksmusik.

Die bekannten und eingängigen Melodien rund um den Purzelmarkt lernen die Billigheimer schon als Kinder und alljährlich zum Fest hört man in der einen oder anderen Ecke, in der ein oder anderen Hofschänke eines der beliebten Lieder. Wer mitsingen möchte findet hier die Texte der bekanntesten Stücke...... Öffnet einen internen Link im aktuellen Fenster(Liedtexte)

August Becker - Ein Zeitzeuge berichtet

Der Pfälzer Heimatdichter August Becker schreibt in seinem 1857 erschienen Buch “Die Pfalz und die Pfälzer” über den Billigheimer Purzelmarkt:

(...) Was Billigheim auszeichnet, ist sein Purzelmarkt. Dienstags, am dritten Tag des Jahrmarktes im Oktober, wallen ganze Scharen schon in der Nebelfrühe des Morgens aus allen Dörfern der Landschaft zum Billigheimer Purzelmarkt, der seit vierhundert Jahren sich durch alle Drangsale der schlimmen Zeitläufe erhalten hat. Von dem Rathause aus zieht mit vorgetragenen fliegenden Fahnen, an der Spitze der Gemeinderat mit dem Bürgermeister und den Festordnern zu Pferde, vor die Wälle, wo auf den Wiesen am Kaiserbach eine hohe Stange den Festplatz ankündigt. Böller- und Flintenschüsse, rauschende Musik und der Jubel der nachdrängenden Menschenmenge zu Fuß und zu Wagen erfüllen die Luft. Um den hohen Kletterbaum sammelt sich das Kollegium der Preisrichter; hoch flattern an Stangen die Preise in der Luft: Tücher, Seidenzeug, Chamois- und Kattunstücke. Dann beginnen die Spiele. Auf jungen Landgäulen sitzen die Burschen und Knechte: dort ein Elsässer mit der turbanartigen Fuchspelzmütze, den runden Stahlknöpfen an Wams und Hosen und dem roten "Brusttuch", neben ihm ein Nachbar aus den bayerischen Grenzorten am Bienwald, mit der hohen Kosakenkappe von Wolle, den enganliegenden Kleidern mit breiten Stahlscheiben besetzt, ein schlanker Geselle auf breitrückigem Fuchs; dort der krumme Burkhardt von Ingenheim auf seinem hübschen Halbaraber, der jedesmal den Preis erringt, und hinter ihm ein ganzer Trupp Gauburschen und Bauernknechte der Umgegend in den verschiedensten Trachten. Alle reiten ohne Sattel, mit Gerten und Peitschen um sich schlagend, denn jeder “Vortel” gilt, während sie pfeilschnell in gerader Linie mitten unter die jauchzende Menge dem Ziel zujagen.

Hierauf beginnt das Klettern nach dem Hahn auf der Spitze, wobei sich besonders die Waldbuben vom Gebirge und aus der Ebene auszeichnen. Dann folgt das Wettrennen zu Fuß, das der Männer und jenes der Mädchen aus den unteren Klassen. Einer der Festordner, gewöhnlich der Bürgermeister von Billigheim, sprengt zu Pferd vor der dahinsausenden mänaden- und furiengleichen Schar; die Dirnen sind entkleidet bis auf Hemd und kurze Röcke, das lose Haar flattert im Winde, die Röcke fliegen und das Volk jauchzt. Ich kann mich noch aus meiner Jugend erinnern, dass Zigeunermächten, die mitliefen, um die vordersten zu sein, sich am Schweif des vorreitenden Pferdes zur großen Unterhaltung des jubelnden Volkes festhielten. Während nun die Burschen und Dirnen, ihre Preise schwingend, jubelnd auf der Wiese umherhüpfen, ordnet man das "Purzeln" der Kinder an, was sich drollig ansieht. Sackrennen und das Rennen mit vollen Wasserkübeln nebst anderen Belustigungen machten sonst den Schluß.

Leider hat dieses echte und einzige Volksfest der Pfalz in neuerer Zeit viel an Teilnahme und Interesse verloren, weil sich die sogenannten "Gebildeten" immer mehr von ihm abwenden. Hätte man seine Aufmerksamkeit dem Purzelmarkt zugewendet und die landwirtschaftlichen Ausstellungen für die ganze Pfalz oder doch des Bezirks Landau an ihn geknüpft, statt zu zersplittern und nomadisch zu feiern, so sähe man ein uraltes pfälzisches Volksfest in neuern Glanze erstehen, statt daß wahrscheinlich in nächster Zeit der alte Brauch aus Mangel an Teilnahme eingehen wird. Freilich bietet der Purzelmarkt nicht mehr jene bunte Trachtenschau, da auch in dieser Gegend die Kleidung immer mehr jenen charakterlosen Zuschnitt annimmt, der die Leute weder städtisch noch ländlich, sondern nur albern und fade erscheinen läßt. Zudem dürfen auch keine Elsässer mehr mitreiten, und das allein entzieht dem Feste eine Menge malerischer Trachten. Doch auch jetzt noch, in seiner Abschwächung, ist der Purzelmarkt sehenswert.

Die Urkunde, mit der alles anfing

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von Torsten Blank 
 

Der Ursprung des Billigheimer Purzelmarktes geht zurück auf die Verleihung der Marktrechte durch König Friedrich III. Die Urkunde dieses Verwaltungsaktes aus dem Jahr 1450 galt bis im Jahr 2000 als verschollen und lediglich eine Notiz im „Codex germanicus monacensis“ war als einzige historische Quelle und Beleg der Geschichte verfügbar. Im Spätsommer 2000 meldete sich, just zum 550-jährigen Festjubiläum, der Landauer Historiker Rudolf Fendler bei der Ortsgemeinde und berichtete, daß er eine Kopie der Originalurkunde aus dem Jahre 1450 besitze. Unser RHEINPFALZ-Mitarbeiter Torsten Blank, zugleich Vorsitzender der Purzelmarktvereins in Billigheim, unterhielt sich mit dem Historiker über seinen Fund, den er zu Beginn der 60iger Jahre machte und der dann fast 40 Jahre in einem Landauer Keller lagerte sowie über den geschichlichen Hintergrund des Festes. 

Die Geschichte des Purzelmarktes reicht zurück bis ins Mittelalter und es ist historisch belegt, das der damalige König und spätere Kaiser Friedrich III. im Jahre 1450 „denen vun Bullickem“ das Recht zur Abhaltung eines Jahrmarktes auf den Sonntag vor St. Gallus verlieh. Seit diesem Zeitpunkt wurde und wird in Billigheim jährlich Handel getrieben und gefeiert. Nicht ohne Stolz berufen sich die Billigheimer heute auf diesen Verwaltungsakt der damaligen Reichsverwaltung, schließlich können sie mit diesem Beleg den Purzelmarkt als „das ältestes Volksfest der Pfalz“ bezeichnen. Als Beweis und gesicherte Quelle für dieses nunmehr 551 Jahre zurückliegende Ereignis galt bis heute einzig eine alte Notiz im „Codex germanicus monacensis“ der Münchner Staatsbibliothek, in der steht: ‚Wie König Friedrich den von Biickheim ein Jahr und Wochenmarkt gegeben und gefreyet hat, sie und ihr Gut auch an keinem Ort bekummert werden sollen. Anno 1450’. Und wie zur Bestätigung ist an dieser Stelle am Rande noch zugefügt: ‘1450. Denen von Billickheim wurde ein Jahr- und Wochenmarkt gegeben’.

Als ebenso gesichert wie diese Quelle galt bis zum September des Jahres 2000 die Tatsache, daß die betreffende Orginalurkunde aus dem Jahr 1450 wohl nicht mehr aufzufinden sei. Genau zum 550. Jahrestag der Verleihung der Stadt- und Marktrechte meldete sich jedoch der Historiker Rudolf Fendler aus Landau bei Ortsbürgermeister Erich Heugel und berichtete ihm von einem Fund, den er Anfang der 60iger Jahre im Bayrischen Hauptstaatsarchiv in München machte. Damals arbeitete der inzwischen pensionierte Studiendirektor, als Leiter des Historischen Vereins der Pfalz/ Kreisgruppe Landau, an einem völlig anderen Thema und war im Münchner Staatsarchiv auch der Suche nach geschichtlichen Quellen. Viele der Unterlagen und Dokumente im Archiv waren damals noch nicht geordnet und katalogisiert, erinnert sich der Fendler heute, und so stieß er auf einen Kasten mit zirka 300 Urkunden, in dem sich auch mehrere Dutzend pfälzische Urkunden befanden. Beim Studium der Urkunden und bei der Suche nach seinen ursprünglichen Quellen stieß er eher zufällig auf das Billigheimer Dokument aus dem Jahr 1450, das vom damaligen Beisitzer des Kammergerichtes ‚Michael de Pfullendorf’ ausgefertigt und unterzeichnet wurde.  Als Zeitdokument seiner unmittelbaren südpfäzischen Nachbarschaft, ließ er sich die Urkunde vom damaligen Leiter des geheimen Hausarchivs Professor Rall, eine Kopie anfertigen, die er mit nach Landau brachte jedoch nicht weiter verwertete.

Heute erinnert sich Fendler, der seit seiner Pensionierung 15 Jahre die historieer Fachzeitschrift „Pfälzer Heimat“ redigierte, daß er im Anschluß an seinen Münchenbesuch mit der Kreisgruppe in Billigheim war und den damaligen Bürgermeister über seinen Fund informierte. An Nachfragen oder Veröffentlichungen kann er sich jedoch nicht erinnern; im Gegenteil, der passionierte Geschichtler ist verwundert, daß bis heute niemand von der Existenz der Urkunde weiß oder berichtet hat. Auch in älteren Abhandlungen wie die „Topographia Germanie“ von Matthäus Merian oder in der „Geographischen Beschreibungder Kurpfalz“ von Johan Goswin Widder, suchte Fendler vergebens nach detailierten Hinweisen auf den Billigheimer Purzelmarkt oder einen Vermerk auf die Urkunde.

Obgleich die schriftlichen Überlieferungen aus jener Zeit über Billigheim und die Umgebung nicht gerade üppig sind, sieht Fendler im geschichtlichen Hintergrund der Marktrechtverleihung handfeste wirtschaftspolitische Interessen des damaligen Pfalzgrafen Friedrich I. Während die Zweibrücker Herzöge versuchten ihren Machtbereich in der Rheinebene zu erweitern und sich dazu mit Bergzabern schon eine gesicherte Nebenresidenz aufbauten, sah sich der Pfalzfraf genötig, auch seinerseits seinen Einfluß zu stärken und auszuweiten. Ein zentraler Punkt sollte für ihn dabei Billigheim sein. Durch den Bau der Festungsanlagen sicherte er den Ort.  Auch die Titulierung als „Oppidum“, die Bezeichnung für Stadt, ist ein Indiz, daß er dem Ort einen besonderen Stellenwert beimaß und zu dessen geographischer Zentrumsfunktion auch eine wirtschaftliche Sonderstellung gehörte. So verwundert der Wunsch des Pfalzgrafen nach Marktfreiheit in Billigheim nicht. Lediglich die Kürze der Zeit, in der der Habsburger König dem Wunsche des Pfalzgrafen gefolgt ist, ist für den Landauer Historiker verwunderlich und nicht mehr nachzuvollziehen. Nur ein Jahr nach der Bitte des Pfalzgrafen, erteilte König Friedrich das Recht und erließ das Dekret.

Heute ist Rudolf Fendler immer noch erfreut und erstaunt über den Fund der Urkunde, da sie einen gesicherten Einblick in die Geschichte Billigheims liefert. Er geht davon aus, der Gemeinde mit dem Hinweis auf die Urkunde einen großen Dienst erwießen zu haben. Die Ortsgemeinde Billigheim-Ingenheim hat die Kopie der Urkunde inzwischen von Fendler erworben und hängt eingerahmt im Sitzungssaal des Rathauses.

 

Der Originaltext der Urkunde:

Wir Fridrich von gots gnaden Romischer Kunig zu allen zeiten merer des Reichs Hezog von Österreich, zu Steir zu Kernnden vnd zu Ktain, Graue zu Tyrol bekennen vund tuen kund mit disem  briue all den, die in lesen oder horen lesen, das wir haben auß besonndern gnaden, vnd auch von bett wegen des Hochgebornnen Friderichen Pflatzgrauen bei Reine vnd Hertzoges in Beyeren vnsers lieben Oheims vnd fursten den eynwonern vnsers vnd des  Reiches Dorffs zu Bullickem in dem Ambt zu Germersheim gelegen, das der yetz genannt vnser Oheim von dem Reich zu Pfand innhat vnd auch von nutz vnd notdurfft willen desselben dorffs vnd der eynwoner dorinne die gnad vnd die freiheit gegeben vnd getan, das Si nu vnsir zu ewigen zeiten auff den Sonnentag nechst vor sannt Gallentag alle Jahre solichen Jarmarckt in demselben dorff haben sollen, der dry tag aneinander weren vnd einen wochenmarckt kommen vnd den suchen mit allen iren personen vnd gut drey vnd sicher sein dahin vnd wider dauon komen, das sie nyman von keynerlai zuspruch wegen. Es sey vmb geldschuld oder ander sach daselbs mit Recht noch on Recht bekumber noch besweren sol in kainem wege. Doch hierinne außgenomen des Reiches Achter vnd Aberächter vnd schädlich leute, die mit Ir vbeltat den tod verschuldt hetten, den soll diese vnser gnad vnd freiheit zu schirm vnd zu hilff nit komen. Sondern allzeit den clagern, ob si dasselbe begriffen vnd den Schlth. vnd scheffen daselbs vmb Rechtwider Si anruffen wurden Recht ergen vnd wollten an alles widersprechen. (...)